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Intimität als Kulisse
Wort: Anina Cammarota / Bild: Elizabeth Heltoft Arnby
Jeder Zentimeter perfekt inszeniert, arrangiert und drapiert – so wirken die meisten Design-Ausstellungen. «Home from Home», die Charlotte Taylor in Zusammenarbeit mit der Noura Residency kuratierte, bricht mit diesem Ideal: Design zeigt sich hier nicht als makellose Schau, sondern als Teil des chaotischen, lebendigen Alltags. Eine Welt, in der Unordnung, Intimität und das gewöhnliche Zuhause überraschend eindrucksvoll wirken.
Der schlichte Tisch des dänischen Designers Kasper Kyster, gestaltet nach dem Prinzip der Balance, zeigt sich im lebendigen Setting in Kombination mit verschiedenen Stuhldesigns.
Das Bett ist ungemacht, die Decke zerwühlt, auf ihr liegt noch die Abendlektüre – oder vielleicht die vom Morgen? Eine Kaffeetasse steht verlassen neben dem Bett, auf einem Tablett auf dem Sofa dampft eine weitere. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee mischt sich mit dem Aroma von Croissants und Butter vom üppigen Frühstückstisch. Bücherstapel türmen sich am Boden, Kritzeleien auf Papier liegen dazwischen, Ladekabel winden sich über den Boden und Kleidungsstücke hängen scheinbar achtlos über Stühlen. Alles wirkt spontan, ungestellt, fast intim – man fühlt sich wie ein Eindringling.
Ein gelebtes Wohnzimmer: Die Decke der neuseeländischen Künstlerin und Textildesignerin Grace Atkinson unterstreicht die sinnliche Wirkung von Textil und Haptik im Raum.
Grosszügige Betten bieten nicht nur Raum für erholsamen Schlaf, sondern auch für liegengebliebene Bücher und Kleidung – stille Zeugen des Alltags.
Inspiriert von antiken Burgen, dient der Hocker «Fortress Stool» aus geöltem Kiefernholz von Wendy Andreu hier als Ablagefläche für Bettlektüre und Morgenkaffee.
Was nach einem spontanen Besuch bei Freunden klingt, entpuppte sich als Installation von Charlotte Taylor anlässlich der 3 Days of Design in Kopenhagen – in einer Ladenfront, die Noura Residency normalerweise als Fotostudio und Veranstaltungsraum nutzt. Die Besucherinnen und Besucher konnten einen beinahe heimlichen Blick auf dieses Leben werfen – ein Moment, der zugleich vertraut wirkt und doch fremd bleibt.
Der Stuhl der Künstlerin und Designerin Garance Vallée, kombiniert mit der Textilkreation der italienischen Designerin Isabel Farchy, bildet einen intimen Rückzugsort.
Gelebter Raum
Taylor nutzte die Installation nicht nur, um etablierte sowie aufstrebende Designschaffende zu präsentieren – etwa den Aluminium-Couchtisch der Berliner Designerin Lisa Cipriano oder die Stehleuchten des japanischen Designers Thomas Takada. Sie selbst wohnte während der 3 Days of Design in der zweistöckigen Wohnung, sodass sich zwischen den kuratierten Objekten immer wieder persönliche Spuren fanden: ihre geliebten Ferrari-Tassen, Feuerzeuge oder die etwas kitschigen Küchenmagnete. Der Raum wurde zu einer gelebten Inszenierung und die eklektische Einrichtung schuf eine Harmonie zwischen Ausstellung und Privatsphäre.
Stühle verwandeln sich in Ablagen für Allerlei, während der halbe Apfel und die Papierkritzeleien stille Indizien der Unvorhersehbarkeit des Alltags werden.
Eine alltägliche Szene: Überquellender Abfalleimer, ein Kabel, das sich über den Teppich windet – inszeniert und doch eine Szene, die jeder aus dem eigenen Alltag kennt.
Die Designerin ist bekannt für ihre gesättigten, surrealen, virtuellen 3D-Objekte und -Räume. Erst seit Kurzem überträgt sie diese mit ihrem Studio Charlotte Taylor in die reale Welt – und zeigt, wie in Kopenhagen, eine ehrliche, unmittelbare Realität des Lebens. «Das Projekt entstand aus meinem langjährigen Interesse am häuslichen Raum: Daran, wie unsere Wohnungen sowohl Orte der Erinnerung als auch Bühnen für alltägliche Rituale sind», erzählt Taylor. Das Format bricht bewusst mit der tonalen Harmonie und dem Minimalismus skandinavischen Designs und spiegelt stattdessen das lebendige Chaos eines kreativen Alltags wider. Damit stellt Taylor Fragen nach dem Spannungsfeld zwischen Inszenierung und Authentizität, zwischen Designobjekt und Alltagsgebrauch – Themen, die im aktuellen Design-Diskurs zunehmend Gewicht bekommen.
Der Frühstückstisch lädt zu einer unmittelbaren Einsicht ein, bleibt dabei jedoch eine stille, unberührte Szenerie – ein Moment zwischen Intimität und Beobachtung.
Sie wollte den Besucherinnen und Besuchern vermitteln, dass Häuslichkeit vielschichtig und verflochten ist: «Es geht nicht nur um Ordnung und Komfort, sondern auch um Spannung, Intimität und spielerische Elemente», präzisiert Taylor. So wurde «Home from Home» nicht zur klassisch-polierten Ausstellung, sondern zu einer Einladung, das gelebte Zuhause als Bühne voller Spuren, Brüche und Geschichten neu zu betrachten.
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